Thema 32. Das sechste Gebot

Die Sexualität betrifft den Intimbereich der menschlichen Person. Die wahre Erziehung zur Keuschheit begnügt sich nicht damit, über einige biologische Aspekte zu informieren, sondern hilft, über die personalen und moralischen Werte nachzudenken, die in den affektiven Beziehungen zu anderen im Spiel sind. Die Sünden gegen das sechste Gebot sind ein Versuch, Ersatz zu schaffen für das Fehlen wahrer Liebe, die das Herz ersehnt.

Der Ruf Gottes an Mann und Frau, „zu wachsen und sich zu vermehren“, muss immer unter dem Blickwinkel der Schöpfung „nach dem Bild und Gleichnis“ der Dreifaltigkeit gelesen werden (vgl. Gen 1). Die menschliche Zeugung ist daher „keineswegs etwas rein Biologisches, sondern betrifft den innersten Kern der menschlichen Person als solcher“ (Katechismus, 2361). Die menschliche Sexualität ist wesentlich verschieden von der tierischen.

„Gott ist Liebe“ (1 Joh 4,8), und seine Liebe ist fruchtbar. Er wollte, dass der Mensch an dieser Fruchtbarkeit teilhat, und hat daher die Zeugung jeder neuen Person mit einem spezifischen Akt der Liebe zwischen einem Mann und einer Frau verbunden1. Deshalb „ist die Geschlechtlichkeit nichts Beschämendes, sondern ein Gottesgeschenk, das in seiner Reinheit auf das Leben, die Liebe und die Fruchtbarkeit hingeordnet ist“2.

Da der Mensch aus Leib und Seele besteht, verlangt der Liebesakt, der zur Zeugung führt, die Einbeziehung aller Dimensionen der Person: Leiblichkeit, Affekte, Geist3.

Die Ursünde hat die Harmonie des Menschen mit sich selbst und den anderen zerbrochen. Dieser Bruch wirkt sich besonders im Bereich der Sexualität aus. Die Verdunkelung des Verstandes bewirkt einerseits, dass der untrennbare Zusammenhang nicht gesehen wird, der zwischen der affektiven und der zeugenden Dimension der ehelichen Vereinigung besteht; und die Schwächung Willens hat andererseits zufolge, dass die Herrschaft über die affektive und körperliche Dynamik der Sexualität erschwert wird. Das Gespür für den hohen anthropologischen Sinn der Sexualität und ihre moralische Dimension ist daher geschwächt.

Im aktuellen Kontext ist es wichtig, die legitime Reflexion über die Geschlechter von der „Gender-Ideologie“ zu unterscheiden, die Papst Franziskus verurteilt. Erstere versucht, die sozialen Unterschiede zwischen Mann und Frau durch die kritische Revision einer allzu „naturalistischen“ Sicht der sexuellen Identität zu überwinden, die die sexuelle Dimension der Person auf das biologische Faktum reduziert. Sie setzt sich zugleich für eine Überwindung ungerechter Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ein. Die zweite fördert hingegen eine Sicht der menschlichen Person und ihrer Sexualität, die mit der christlichen Offenbarung unvereinbar ist, denn sie unterscheidet nicht nur, sondern trennt das biologische vom gesellschaftlichen Geschlecht („Gender“), das nur sozio-kulturell erklärt wird4.

Dass die die Sexualität im gegenwärtigen Stadium der Reinigung und Reifung bedarf – sie ist von Christus erlöst, aber noch auf dem Weg zur endgültigen Heimat –, bedeutet keineswegs, dass dieses Geschenk, das Mann und Frau von Gott erhalten haben, abgelehnt oder negativ bewertet wird. Es bedeutet allerdings, dass es notwendig ist, „sie zu heilen, damit sie ihre wahre Größe erreicht“5. Bei dieser Aufgabe spielt die Tugend der Keuschheit eine grundlegende Rolle.

Die Berufung zur Keuschheit

Der Katechismus spricht von der Berufung zur Keuschheit, weil diese Tugend Bedingung und wesentlicher Teil der Berufung zur Liebe bzw. zur Hingabe seiner selbst ist, zu der Gott jeden Menschen beruft. Die Keuschheit ermöglicht die Liebe in der Leiblichkeit und durch sie6. Man könnte sagen, dass die Keuschheit jene Tugend ist, die den Menschen zur Kunst befähigt, in Wohlwollen und innerem Frieden mit den anderen Männern und Frauen und mit sich selbst ein gutes Leben zu führen. Die menschliche Sexualität prägt alle unsere Anlagen, vom ganz Physischen und Materiellen bis zum Geistigsten, indem sie den verschiedenen Vermögen eine männliche bzw. weibliche Färbung gibt.

Die Tugend der Keuschheit ist daher nicht einfach ein Heilmittel gegen die Unordnung, die die Erbsünde im sexuellen Bereich hervorruft, sondern eine freudige Bejahung, weil sie erlaubt, Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allen Kräften (vgl. Mk 12,30) zu lieben und um seinetwillen die Menschen.7

„Die Tugend der Keuschheit steht unter dem Einfluss der Kardinaltugend der Mäßigung“ (Katechismus, 2341) und „bedeutet die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein“ (Katechismus, 2337).

Wenn von der Keuschheit die Rede ist, muss bei der Bildung besonders der jungen Leute darauf geachtet werden, den tiefen und engen Zusammenhang zwischen Liebesfähigkeit, Sexualität und Fortpflanzung zu erklären. Sonst kannte der Anschein erweckt werden, es handle sich um eine negative Tugend. Man musss verstehen helfen, dass die Anziehung, die von den Gütern des affektiv-sexuellen Bereichs ausgeht, auf das Wohl der Person als Ganze zu lenken ist8.

In seinem gegenwärtigen Zustand ist es dem Menschen schwer, ohne die Hilfe der Gnade das natürliche Sittengesetz und damit die Keuschheit zu leben. Das heißt nicht, dass es keine menschlichen Tugend geben kann, die in diesem Bereich eine gewisse Integration der Leidenschaften erreicht, sondern dass die durch die Sünde bewirkte Wunde so tief ist, dass es für die Reintegration der Person der göttlichen Hilfe bedarf9.

Die Erziehung zur Keuschheit

„Die Liebe ist die Form aller Tugenden. Unter ihrem Einfluss erscheint die Keuschheit als eine Schule der Selbsthingabe. Die Selbstbeherrschung ist auf die Selbsthingabe hingeordnet“ (Katechismus, 2346).

Die Erziehung zur Keuschheit ist viel mehr als das, was einige reduktiv „Sexualerziehung“ nennen, die sich nicht selten auf die Vermittlung von Information über die physiologischen Aspekte der menschlichen Fortpflanzung und über die empfängnisverhütenden Methoden beschränkt. Die wahre Erziehung zur Keuschheit begnügt sich nicht mit Information über biologische Aspekte, sondern hilft, über die personalen und moralischen Werte nachzudenken, die bei den affektiven Beziehungen zu anderen Personen im Spiel sind und insbesondere in der einzigartigen ehelichen Beziehung von Mann und Frau. Zugleich fördert sie das große Ideal der Liebe zu Gott und zu den anderen – durch die Übung der Tugenden der Großzügigkeit, der Selbsthingabe, der die Intimität bewahrenden Scham usw. Es sind Tugenden, die dem Menschen helfen, den Egoismus und die Versuchung, sich in sich selbst zu verschließen, zu überwinden. „Unsere affektive Dimension ist eine Berufung zur Liebe, die in der Treue, in der Annahme und in der Barmherzigkeit zum Ausdruck kommt“10.

Bei dieser Bemühung haben die Eltern eine sehr große Verantwortung, denn sie sind die ersten und hauptsächlichen Erzieher ihrer Kinder zur Keuschheit. In nicht wenigen Fällen werden sie zusammen mit anderen Familien aktiv darauf hinwirken, dass die sexuelle und affektive Erziehung, die in den Bildungseinrichtungen erteilt wird, auf einer korrekten Anthropologie beruht, die die weit verbreitete Banalisierung der Sexualität überwinden hilft.

Im Kampf um diese Tugend sind wichtige Mittel: das Gebet – die Bitte an Gott um die Tugend der heiligen Reinheit11 –; der häufige Empfang der Sakramente; ein ausgeglichenes Leben, in dem die verschiedenen Dimensionen der Person (Arbeit, Erholung, Beziehungen) sich harmonisch verbinden; das An-die-anderen-Denken; die Andacht zu Maria, Mater pulchrae dilectionis. Außerdem hilft die Mäßigung beim Essen und Trinken, die Beachtung von Scham und Anstand in der Kleidung usw.; das Vermeiden von Lektüre, Bildern und Videos mit unpassenden Inhalten; die Hilfe der geistlichen Leitung.

Die Keuschheit ist eine eminent persönliche Tugend. Zugleich „erfordert sie aber auch eine kulturelle Anstrengung“ (Katechismus, 2344), da sich „der Fortschritt der menschlichen Person und das Wachsen der Gesellschaft als solcher gegenseitig bedingen“12. Die Achtung der Rechte der Person fordert die Achtung der Keuschheit: besonders „des Rechtes auf Bildung und Erziehung, welche die sittlichen und geistigen Dimensionen des menschlichen Lebens berücksichtigen“ (Katechismus, 2344). Die Familie steht heute vor vielen Herausforderungen, und es ist wichtig, aufmerksam über sie nachzudenken, um Lösungen zu finden, die den Einzelnen und der ganzen Gesellschaft helfen13.

Die konkreten Äußerungen, die diese Tugend aufweist und sie wachsen lässt, sind je nach der empfangenen Berufung verschieden. „Verheiratete sind berufen, in ehelicher Keuschheit zu leben; die anderen leben keusch, wenn sie enthaltsam sind“ (Katechismus, 2349).

Die Keuschheit in der Ehe

Die geschlechtliche Vereinigung „ist auf die eheliche Liebe von Mann und Frau hingeordnet“ (Katechismus, 2360). „Sie wird nur auf wahrhaft menschliche Weise vollzogen, wenn sie in jene Liebe integriert ist, mit der Mann und Frau sich bis zum Tod vorbehaltlos einander verpflichten“14.

Die Größe des Aktes, durch den der Mann und die Frau frei mit der Schöpfer mitwirken, fordert wegen der Möglichkeit der Zeugung neuen menschlichen Lebens bestimmte Bedingungen. Deshalb dürfen die diesem Akt innewohnenden Dimensionen der Vereinigung und der Zeugung nicht willentlich getrennt werden, wie das bei der Empfängnisverhütung der Fall ist15. Keusche Eheleute verstehen es, die passenden Momente für ihre leibliche Vereinigung zu finden, damit sich in jedem Akt die Selbsthingabe verwirklicht, die sie ausdrückt16.

Zum Unterschied von der Zeugungsdimension, die auf wahrhaft menschliche Weise nur in der ehelichen Vereinigung aktualisiert wird, kann und soll sich die einigende und affektive Dimension, die diesem Akt eigen ist, auf viele andere Weisen zeigen. Das erklärt, warum – wenn die Eheleute aus gesundheitlichen oder sonstigen Gründen die eheliche Vereinigung nicht vollziehen können oder beschließen, sich eine Zeitlang (oder in besonders schwerwiegenden Situationen für immer) des ehelichen Aktes zu enthalten – sie diese Selbsthingabe weiter aktualisieren dürfen und sollen, die die wahrhaft personale Liebe wachsen lässt, deren Ausdruck die Vereinigung der Körper ist17.

Die Keuschheit im Zölibat

Als der Sohn Gottes in die Welt kam, hat er für sich ein zölibatäres Leben gewählt, und in seiner Verkündigung hat er verschiedene Hinweise gegeben, die einerseits die Schönheit der Ehe aufzeigen, andererseits aber auch helfen, ihren provisorischen und daher relativen Charakter nicht aus dem Blick zu verlieren; denn „nach der Auferstehung werden die Menschen nicht mehr heiraten, sondern sein wie die Engel im Himmel“ (Mt 22,30).

Gott ruft die meisten Menschen, in der Ehe nach der Heiligkeit zu streben, aber er erwählt einige, ihre Berufung zur Liebe auf eine besondere Weise im apostolischen Zölibat zu leben18. Die christliche Berufung zum Zölibat schließt die Enthaltsamkeit ein. Der Ausschluss des Gebrauchs der Zeugungskraft bedeutet keineswegs den Ausschluss der Liebe oder der Affektivität. Im Gegenteil, der freiwillige Verzicht auf eine mögliche Ehe aus Liebe zu Gott macht fähig, viele andere Menschen zu lieben, sich ihnen zu schenken und ihnen zu helfen, Gott zu finden, der der Grund des Zölibats ist19. Diese Lebensweise muss immer als eine Gabe betrachtet und gelebt werden.

Die charismatischen Weisen, den Zölibat als Berufung zu leben, sind verschieden. Einige empfangen diesen Ruf im Priestertum oder im Ordensleben, an viele andere ergeht er, damit sie sich inmitten der Welt ohne eine besondere Weihe, aber mit dem klaren Bewusstsein, Werkzeuge der Liebe Gottes zu sein, das Evangelium überall hintragen.

Sünden gegen die Keuschheit

Man wird sagen können, dass die Sünden gegen das sechste Gebot der Versuch sind, Ersatz zu schaffen für das Fehlen der wahren Liebe, die das Herz ersehnt20. „Unkeuschheit ist ein ungeregelter Genuss der geschlechtlichen Lust oder ein ungeordnetes Verlangen nach ihr ist. Die Geschlechtslust ist dann ungeordnet, wenn sie um ihrer selbst willen angestrebt und dabei von ihrer inneren Hinordnung auf Weitergabe des Lebens und auf liebende Vereinigung losgelöst wird“ (Katechismus, 2351).

Da die Sexualität eine zentrale Dimension im menschlichen Leben einnimmt, sind die Sünden gegen die Keuschheit von ihrer Materie her immer schwer, wenn die geschlechtliche Lust, die dem Sexualakt eigen ist, direkt gesucht wird. Sie können aber lässlich sein, wenn die Lust nicht direkt angestrebt wird oder das klare Bewusstsein bzw. die vollkommene Zustimmung fehlt.

Das Laster der Unkeuschheit hat viele schwerwiegende Konsequenzen: Blindheit des Geistes, die unser Ziel und unser Wohl verdunkelt; Schwächung des Willens; Anhänglichkeit an die irdischen Güter, die die ewigen vergessen lässt. Sie kann zuletzt sogar dazu führen, dass Gott gehasst wird, der dem Unkeuschen als das größte Hindernis für die Befriedigung seiner sinnlichen Gelüste erscheint.

Unter den Sünden gegen die Keuschheit steht an erster Stelle der Ehebruch, die „eheliche Untreue. Wenn zwei Partner, von denen wenigstens einer verheiratet ist, miteinander eine, wenn auch nur vorübergehende geschlechtliche Beziehung eingehen, begehen sie Ehebruch“ (Katechismus, 2380)21. „Das Wort »Du sollst nicht die Ehe brechen« richtet uns also, wenngleich in negativer Form, auf unsere ursprüngliche Berufung aus: auf die erfüllte und treue bräutliche Liebe, die Jesus Christus uns offenbart und geschenkt hat (vgl. Röm 12,1)“22.

„Masturbation ist die absichtliche Erregung der Geschlechtsorgane, mit dem Ziel, geschlechtliche Lust hervorzurufen. ’Tatsache ist, dass sowohl das kirchliche Lehramt in seiner langen und stets gleichbleibenden Überlieferung als auch das sittliche Empfinden der Gläubigen niemals gezögert haben, die Masturbation als eine in sich schwere ordnungs-widrige Handlung zu brandmarken’ (Persona humana, 9)“ (Katechismus, 2352). Die Selbstbefriedigung widerspricht ihrem Wesen nach dem christlichen Sinn der Sexualität, die im Dienst der Liebe steht. Da sie ein allein geübtes und egoistisches, der Wahrheit der Liebe beraubtes sexuelles Tun ist, lässt sie unbefriedigt und führt zu Leere und Überdruss.

„Unzucht ist die körperliche Vereinigung zwischen einem Mann und einer Frau, die nicht miteinander verheiratet sind. Sie ist ein schwerer Verstoß gegen die Würde dieser Menschen und der menschlichen Geschlechtlichkeit selbst, die von Natur aus auf das Wohl der Ehegatten sowie auf die Zeugung und Erziehung von Kindern hingeordnet ist“ (Katechismus, 2353). Sowohl das freie Zusammenleben ohne Eheabsicht als auch die vorehelichen Beziehungen verletzen in verschiedenem Maß die Würde der menschlichen Sexualität und der Ehe. „Sie verstoßen gegen das moralische Gesetz: Der Geschlechtsakt darf ausschließlich in der Ehe stattfinden; außerhalb der Ehe ist er stets eine schwere Sünde und schließt vom Empfang der Heiligen Kommunion aus“ (Katechismus, 2390). Die Person kann nicht „ausprobiert“ werden, sondern sich nur, einmal und für immer, frei schenken23.

„Die homosexuellen Handlungen sind in sich ungeordnet“24, wie die Tradition der Kirche immer betont hat. Diese klare sittliche Bewertung der Handlungen bedeutet nicht die eine Verurteilung der Menschen, die homosexuelle Neigungen haben25, denn ihr Ursprung ist nicht willentlich, und nicht selten stellt ihre Vorliegen eine schwere Prüfung dar26. Auch diese Personen „sind zur Keuschheit gerufen. Durch die Tugenden der Selbstbeherrschung, die zur inneren Freiheit erziehen, können und sollen sie sich – vielleicht auch mit Hilfe einer selbstlosen Freundschaft – durch das Gebet und die sakramentale Gnade Schritt um Schritt, aber entschieden der christlichen Vollkommenheit annähern“ (Katechismus, 2359). Im Apostolischen Schreiben Amoris laetitae heißt es: „Im Laufe der Debatte über die Würde und die Mission der Familie haben die Synodenväter angemerkt: »Was die Pläne betrifft, die Verbindungen zwischen homosexuellen Personen der Ehe gleichzustellen, gibt es keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn“27.

Gegen die Keuschheit verstoßen auch Gespräche, Blicke und Bekundungen der Zuneigung, auch unter Verlobten, die in begehrlicher Absicht vollzogen werden oder eine nähere Gelegenheit zur Sünde darstellen, die gesucht oder nicht zurückgewiesen wird.

Die Pornographie – Zurschaustellung des menschlichen Leibes als bloßes Objekt der Begierde – und die Prostitution – Darbietung des eigenen Körpers zu finanziellem Nutzen und fleischlichem Genuss – sind schwere Vergehen sexueller Unordnung, die, abgesehen von der Verletzung der Würde der sie ausübenden Personen, einen sozialen Missstand darstellen (vgl. Katechismus, 2355). Leider ist der Konsum von Pornographie heutzutage sehr verbreitet und wird durch das Internet erleichtert. Was aufgrund einer gewissen Neugierde, besonders bei Jugendlichen, beginnen kann, wird nicht selten zu einer Gewohnheit, die die Fähigkeit der Person, „mit ganzem Herzen“ zu lieben, enorm erschwert, weil sie auf Wege führt, die eine leichte Kompensation durch körperliche Genüsse und im Grunde den Egoismus fördert. In manchen Fällen kann eine wahre und eigentliche Sucht entstehen, deren Überwindung oft eine adäquate psychologische Hilfe notwendig macht. Auf jeden Fall ist sie ein wichtiges Problem im geistlichen Leben, denn die Unkeuschheit stumpft das Herz ab, verhindert ein gelassenes Gebetsleben und unterbindet die für eine wirksame apostolische Arbeit notwendige Freude. Deshalb ist es wichtig, in der geistlichen Leitung Hilfe zu suchen, die zu hohen Idealen hinführt, für die es sich lohnt, das Leben hinzugeben.

Gott ist Liebe. Er hat uns aus Liebe geschaffen und um zu lieben. Auch um mit dem Leib zu lieben. Das muss immer der Ausgangspunkt sein, wenn von der Sexualität im Kontext der christlichen Anthropologie gesprochen wird. Zugleich müssen wir anerkennen, dass nach der Ursünde der angemessene Gebrauch dieser Anlage geschwächt wurde. Deshalb ist die Hilfe der Gnade notwendig, und es bedarf der Tugend der Keuschheit, um wirklich „mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft“ (Mk 12,30) lieben zu können.

Pablo Requena

Bibliografie

Katechismus der Katholischen Kirche, 2331-2400.

Hl. Josefmaria, Homilie Denn sie werden Gott schauen, in Freunde Gottes, 175-189; Die Ehe, eine christliche Berufung, in Christus begegnen, 22-30.


1 „Beide Geschlechter besitzen die gleiche Würde und sind, wenn auch auf verschiedene Weise, Bild der Kraft und der zärtlichen Liebe Gottes. Die eheliche Vereinigung von Mann und Frau ahmt die Freigebigkeit und Fruchtbarkeit des Schöpfers leiblich nach. ’Der Mann verlässt Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch’ (Gen 2,24). Diese Vereinigung ist Ursprung aller Generationen (vgl. Gen 4,1-2.25-26; 5,1)“ (Katechismus, 2335).

2 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, 24.

3 „Wenn der Mensch nur Geist sein will und den Leib sozusagen als bloß animalisches Erbe abtun möchte, verlieren Geist und Leib ihre Würde. Und wenn er den Geist leugnet und so die Materie, den Körper, als alleinige Wirklichkeit ansieht, verliert er wiederum seine Größe“ (Benedikt XVI., Deus caritas est, 5).

4 Vgl. Papst Franziskus, Amoris laetitiae, 56. Zu diesem Thema ist das Dokument der Kongregation für das Katholische Bildungswesen Als Mann und Frau schuf er sie. Für einen Weg des Dialogs zur Genderfrage im Bildungswesen (2019) interessant.

5 „Ja, Eros will uns zum Göttlichen hinreißen, uns über uns selbst hinausführen, aber gerade darum verlangt er einen Weg des Aufstiegs, der Verzichte, der Reinigungen und Heilungen“ (Benedikt XVI., Deus caritas est, 5).

6 „’Gott ist Liebe’ (1 Joh 4,8) und lebt in sich selbst ein Geheimnis personaler Liebesgemeinschaft. Indem er den Menschen nach seinem Bild erschafft und ständig im Dasein erhält, prägt Gott der Menschennatur des Mannes und der Frau die Berufung und daher auch die Fähigkeit und die Verantwortung zu Liebe und Gemeinschaft ein“ (hl. Johannes Paul II., Familiaris consortio, 11).

7 „Die Keuschheit ist die freudige Bejahung dessen, der es versteht, das Geschenk seiner selbst zu leben, frei von jeder egoistischen Knechtschaft“ (Päpstlicher Rat für die Familie, Menschliche Sexualität: Wahrheit und Bedeutung, 8.12.1995, 17). „Die Reinheit ist eine Folge der Liebe, in der wir dem Herrn Seele und Leib, Geist und Sinne geschenkt haben. Sie ist nicht Verneinung, sondern freudige Bejahung“ (hl. Josefmaria, Christus begegnen, 5).

8 „Die Keuschheit erfordert das Erlernen der Selbstbeherrschung, die eine Erziehung zur menschlichen Freiheit ist. Die Alternative ist klar: Entweder ist der Mensch Herr über seine Triebe und erlangt so den Frieden, oder er wird ihr Knecht und somit unglücklich (vgl. Sir 1,22). ’Die Würde des Menschen erfordert also, dass er in bewusster und freier Wahl handelt, das heißt personal, von innen her bewegt und geführt und nicht unter blindem innerem Drang oder unter bloßem äußeren Zwang. Eine solche Würde erwirbt der Mensch, wenn er sich aus aller Knechtschaft der Leidenschaften befreit und so sein Ziel in freier Wahl des Guten verfolgt und sich die geeigneten Hilfsmittel wirksam und in schöpferischem Bemühen verschafft’ (GS 17)“ (Katechismus, 2339).

9 „Die Keuschheit ist eine sittliche Tugend. Sie ist auch eine Gabe Gottes, eine Gnade, eine Frucht des Geistes (vgl. Gal 5,22). Der Heilige Geist schenkt den im Wasser der Taufe Wiedergeborenen die Kraft, der Reinheit Christi (vgl. 1 Joh 3,3) nachzustreben“ (Katechismus, 2345).

10 Papst Franziskus, Generalaudienz, 31.10.2018.

11 „Gott gibt die heilige Reinheit, wenn man in Demut darum bittet“ (hl. Josefmaria, Der Weg, 118).

12 II. Vatikanisches Konzil, Gaudium et spes, 25.

13 Amoris laetitiae, 2. Kap.

14 Familiaris consortio, 11.

15 Auch bei der künstlichen Befruchtung erfolgt ein Bruch zwischen diesen der menschlichen Sexualität eigenen Dimensionen, wie die Instruktion Donum vitae (1987) lehrt.

16 Wie der Katechismus lehrt, ist die Lust, die der ehelichen Vereinigung entspringt, etwas Gutes und von Gott gewollt (vgl. Katechismus, 2362).

17 Amoris laetitiae, 4. Kap. (Die Liebe in der Ehe).

18 Auch wenn die Heiligkeit an der Liebe zu Gott und nicht nach dem Lebensstand gemessen wird – zölibatär oder verheiratet –, lehrt die Kirche doch, dass der Zölibat um des Himmelreiches willen eine höhere Gabe als die Ehe ist (vgl. Konzil von Trient: DS 1810; 1 Kor 7,38).

19 Von der priesterlichen Ehelosigkeit sagt Benedikt XVI. – und das gilt auch für den apostolischen Zölibat –, dass er nicht in bloß funktionalen Begriffen verstanden werden kann, denn in Wirklichkeit „stellt er eine besondere Angleichung an den Lebensstil Christi selbst dar“ (Sacramentum caritatis, 24).

20 Papst Franziskus, Generalaudienz, 31.10.2018.

21 Christus verurteilt sogar den Wunsch des Ehebruchs (vgl. Mt 5,27-28). Im Neuen Testament wird der Ehebruch absolut verboten (vgl. Mt 5,32; 19,6; Mk 10,11; 1 Kor 6,9-10). Der Katechismus nennt unter den Vergehen gegen die Ehe auch Scheidung Polygamie und Empfängnisverhütung.

22 Papst Franziskus, Generalaudienz, 31.10.2018.

23 „Die Brautleute sind aufgefordert, die Keuschheit in Enthaltsamkeit zu leben. Sie sollen diese Bewährungszeit als eine Zeit ansehen, in der sie lernen, einander zu achten und treu zu sein in der Hoffnung, dass sie von Gott einander geschenkt werden. Sie sollen Liebesbezeigungen, die der ehelichen Liebe vorbehalten sind, der Zeit nach der Heirat vorbehalten. Sie sollen einander helfen, in der Keuschheit zu wachsen“ (Katechismus, 2350)

24 Kongregation für die Glaubenslehre, Persona humana, 8. „Sie verstoßen gegen das natürliche Gesetz, denn die Weitergabe des Lebens bleibt beim Geschlechtsakt ausgeschlossen. Sie entspringen nicht einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit. Sie sind in keinem Fall zu billigen“ (Katechismus, 2357).

25 Die Homosexualität bezieht sich auf die Verfasstheit jener Männer und Frauen, die eine ausschließliche oder vorherrschende Anziehung zu Personen des gleichen Geschlechts aufweisen. Die möglichen Situationen können sehr verschieden sein; daher soll man höchste Klugheit bei der Beurteilung dieser Fälle walten lassen.

26 „Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen sind homosexuell veranlagt. Sie haben diese Veranlagung nicht selbst gewählt; für die meisten von ihnen stellt sie eine Prüfung dar. Ihnen ist mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen. Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Veranlagung erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen“ (Katechismus, 2358).

27 Amoris laetitiae, 251.

Pablo Requena